|
Ausbildung - ein Streitgespräch
09.07.10
Die Gewerkschaft wirft den Unternehmen vor, die Ausbildungsstatistiken zu schönen. Herr Köpke, wie kommen Sie darauf?
Köpke: Mich hat geärgert, dass die Publicity in die Richtung geht: Es gibt genug Ausbildungsstellen; wir finden nicht genügend junge Leute. Wir können das weder bundesweit noch für Krefeld bestätigen. Wir haben ein Verhältnis von 0,7 zu 1, also 0,7 Ausbildungsplätze auf einen Bewerber. Das ist viel zu wenig.
Dennoch hört man von Unternehmern die Klage: Wir finden nicht die richtigen Leute.
Porschen: Diese Debatte kommt immer im Sommer, weil dann die Arbeitsagentur ihre Zahlen über Ausbildungsplätze und Bewerber bekanntgibt. Das Bild ist immer unvollständig, weil die Betriebe nicht alle Ausbildungsplätze melden. Das Ausbildungsangebot ist im Vergleich zum Vorjahresniveau nur um zwei Prozent zurückgegangen. Und außerdem ist es nicht einfach für die Betriebe, geeignete Bewerber zu finden.
Woran liegt das?
Porschen: Die demografische Entwicklung beginnt zu greifen. Es gibt weniger Jugendliche und mehr Jugendliche drängen in ein Studium.
Köpke: Zwei Prozent weniger in diesem Jahr klingt wenig; aber im vergangenen Jahr hatten wir einen Rückgang um 13 Prozent. Damit sind wir nicht zufrieden.
Herr Köpke, erkennen Sie an, wenn Unternehmen sagen, sie seien in Not, geeignete Jugendliche zu finden?
Köpke: Teilweise. Es gibt natürlich Unternehmen mit hohen Anforderungen, die Probleme haben; auf der anderen Seite hatten wir 2009 rund 1000 Jugendliche in der Warteschleife. Ein Unternehmen wie Siempelkamp stellt fast per se keine Hauptschüler ein. Wer sagt denn, dass sich unter den Hauptschulabsolventen nicht geeignete Bewerber finden? Warum bekommen die Hauptschulabsolventen keine Chance?
Herr Porschen, warum?
Porschen: Vorbemerkung: In den meisten Fällen funktioniert es ja: Wir haben die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Wir reden über einen kleinen Teil, wo es hakt. Und es gibt natürlich Jugendliche, bei denen Tugenden wie "Sei pünktlich, ordentlich und engagiere dich für den Betrieb" fehlen. Jedes zweite Unternehmen gibt heute seinen Auszubildenden Nachhilfe. Die Unternehmen tun es, der Not gehorchend, aber eigentlich muss man doch sagen: Liebe Eltern, liebe Schule, das ist eure Baustelle.
Herr Köpke, muss man also nicht Schule und Eltern mehr in die Pflicht nehmen?
Köpke: Da würden wir alle zustimmen. Es ist ein wisschenschaftlich belegtes Phänomen, dass Schüler über weniger Allgemeinbildung verügen als früher; dafür haben sie andere Fähigkeiten; sie sind in diesem Sinne intelligenter als früher; logisches Denken, Computer- und Englischkenntnisse. Ich glaube: Wenn man 20 Jahre über Mängel in der Schule klagt, dann ist es einen Versuch wert, ein ganz anderes Schulsystem auszuprobieren - zum Beispiel mit längerem gemeinsamen Lernen.
Porschen: Diese Schulstrukturdebatte ist doch nicht mehr zu ertragen. Unternehmen erleben das als schieres Ablenkungsmanöver von der Qualität der Schulen. Es gibt keinen Beleg für einen Zusammenhang zwischen Schulerfolg und Schulsystem.
Köpke: Die Schulen wiederum sehen die Elternhäuser in der Pflicht.
Porschen: Ja, aber Eltern kann man nicht erziehen; man kann nur in der Schule ansetzen. Dort muss man mehr auf Qualität der Ausbildung achten. Die vergangenen 20 Jahre haben gezeigt: Systemdebatten sind nicht zielführend.
Man kann lange auf Schule und Eltern schimpfen. Wir haben aber nun mal die Jugendlichen, die da sind. Was kann man tun?
Köpke: Es ist nach wie vor ein Problem, dass es Betriebe gibt, die nicht ausbilden und lieber die Fachkräfte abschöpfen, die andere Unternehmen ausbilden.
Porschen: Wir graben jetzt ein wenig in der Vergangenheit. In ein, zwei Jahren haben wir das ganz andere Problem: Wo kriegen wir Fachkräfte her? Die absehbare Verknappung von guten jungen Typen wird auch Hauptschülern und Migranten eher nutzen. Die Aufgabe lautet: Lass uns diese Jugendlichen fitmachen. Die Anforderungen im Beruf definieren sich vom Beruf und den Märkten her, nicht von den Fähigkeiten der Jugend.
Köpke: Da gibt es auch eine Menge Aktivitäten der IHK, um Schule und Betriebe zueinander zu bringen, die wie absolut richtig finden.
Wie gravierend ist das Problem, dass viele Jugendliche auf einen Beruf fixiert sind?
Porschen: Das ist ein Problem. 40 Prozent der Jugendlichen schlagen in zehn Berufen auf. Es gibt attraktive neue Berufe wie den Sport- und Fitnesskaufmann, die kaum bekannt sind. Da muss jede Branche für sich werben. Jeder ist seines Glückes Schmied.
Sie streiten sich ja gar nicht mehr.
(Porschen und Köpke: Lachen)
Porschen: Es gibt ja auch mit dem DGB viele positive Berührungspunkte und gemeinsame Aktionen.
Ein Schlusswort als Wunsch an die andere Seite: Herr Köpke, Sie sind in der Höhle des kapitalistischen Löwen, wünschen Sie sich was.
Köpke: Dass wir weiter in einem konstruktiven Dialog bleiben und gemeinsam an dem Thema Ausbildung arbeiten und es gemeinsam schaffen, mehr betriebliche Ausbildung für alle Jugendlichen möglich zu machen.
Porschen: Da sind wir einer Meinung!
Jens Voss moderierte das Gespräch und fasste es zusammen.
INFO: Diskussionspartner
Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB): - Ralf Köpke, DGB-Kreisvorsitzender Krefeld
- Ralf Claessen, Gewerkschaftssekretär
Für die Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein (IHK)
- Dieter Porschen, Hauptgeschäftsführer
- Frank Lorenz, Geschäftsführer
Quelle: RP Krefeld, 9.7.2010 • Fotos: Thomas Lammertz
<- Zurück zu: Aktuelles
|